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Die sichtbare Macht: Wie Gebote und Verbote unsere Gesellschaft prägen

Possard. | RECHT.ethisch.
Beitrag von Marlon Possard
Banner für Blogbeitrag zum Thema Gebote und Verbote zeigt diverse Verkehrsschilder auf Autobahn

Leben umgeben von Schildern

Egal ob in der Früh, wenn man das Haus verlässt und zur U-Bahn marschiert oder am Abend, wenn man vom Job wieder unterwegs nach Hause ist, egal ob im Straßenverkehr, am Schiff, im Flugzeug, im Zug, im Wald, an der Universität oder am Strand – die Liste lässt sich beliebig lang fortführen. Alle diese Bereiche des Lebens haben eines gemeinsam, nämlich, dass das menschliche Verhalten durch Gebots- oder Verbotsschilder, d. h. in einem visualisierten Kontext, in unterschiedlichen Facetten beeinflusst wird. Geht es Ihnen ähnlich?
Solche Hinweise begegnen uns gleichsam auf Schritt und Tritt und differenziert nach gesetzlicher, kultureller und gesellschaftlicher Situation zeigen sie sich ganz verschieden – je nachdem also, was geboten oder verboten ist. Die sichtbaren Regeln in Schilderform formen jedenfalls unser menschliches Verhalten im Alltag – und das meist völlig unbewusst. Sie bestimmen, wie wir uns in dieser Welt bewegen und welche Handlungen wir setzen oder eben nicht setzen. Doch was bedeuten sie wirklich für uns als Individuen und für unsere Gesellschaft? In diesem Beitrag möchte ich nicht nur über die offensichtliche Funktion von Geboten und Verboten sprechen, sondern v. a. auch über die ethischen Dimensionen, die sie in unserem Leben (oft unbemerkt) entfalten.

Foto 1 für Blogbeitrag zum Thema Gebote und Verbote zeigt Schilder bei einem U-Bahn Eingang

Verbotsschilder bei einem U-Bahn-Eingang in Wien.
© M. Possard (2024)

 

Schilder als Leader des Alltags?

Schilder wie „Stop!“, „Betreten verboten!“, „Anrainer:innen-Straße“ oder „Fußgänger:innen-Zone“ können als eine Art Taktgeber verstanden werden. Lange Zeit dachte ich nie viel über sie nach, für mich waren sie einfach da, als ein wesentlicher Teil des Straßen- und Ortsbildes eben. Erst bei einem Auslandsaufenthalt in Dubai im März 2024, wo viele Hinweisschilder den Alltag der Menschen bestimmen, wurde mir ihre Präsenz explizit bewusst und ich stellte mir die Frage: Was wäre eigentlich, wenn sie plötzlich verschwinden würden? Würde dann Chaos ausbrechen oder könnte unser gesellschaftliches Miteinander auf einer Art innerem Kompass oder auf menschlicher Rationalität basieren? Was ich damit sagen möchte: Gebote und Verbote, gegossen in farbliche Hinweistafeln, sind jedenfalls mehr als bloße Anweisungen, sondern sie sind gleichzeitig ein komprimierter Ausdruck von gesellschaftlichen Werten.
Man denke etwa an ein klassisches Stop-Schild nach § 52 StVO: Was fühlen bzw. denken Sie, wenn Sie sich direkt davor hinstellen und den Hinweis bestaunen? Irgendwie – zumindest geht es mir so – verschafft sich das Schild meinen Respekt. Es erinnert mich daran, anderen den Vortritt zu lassen: Stop! Und was hat es mit Geschwindigkeitsbegrenzungen nach § 20 Abs. 2 StVO auf sich? Diese Erkennungszeichen zählen zu meinen persönlichen Favoriten, da sie anderen ausdrücklich zum Schutz dienen (z. B. in Bereichen, wo Kinder spielen oder Senior:innen residieren). Diese Schilder, so denke ich, zeigen sehr gut, dass sie eben nicht neutral ist, sondern einen tief(er)en Sinn in sich tragen, nämlich moralische Werte unserer Gesellschaft. Solche Schilder machen abstrakte rechtliche Normen unmittelbar verständlich und sollen unser aller Verhalten im Sinne von Sicherheit und Ordnung lenken.

Foto 2 für Blogbeitrag zum Thema Gebote und Verbote zeigt Schilder mit diversen Verboten

In bestimmten Ländern, wie etwa hier in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Dubai), scheint es so, als wäre alles verboten. Von Gymnastik bis hin zum einfachen Sitzen.
© M. Possard (2024)

 

Menschliche Reaktionen und unsichtbare Wirkung

Aber wie reagieren wir Menschen auf sie? Interessanterweise folgt nicht jede:r automatisch den Geboten oder Verboten. Manche Menschen sehen sie als Herausforderung, andere als bloße Orientierungshilfe. Oftmals können wir sie vielleicht auch überhaupt nicht einordnen, weil der kulturelle Kontext fehlt (z. B. im Urlaub in anderen Ländern). Diese unterschiedliche Wahrnehmung zeigt, dass Regeln nicht nur von ihrer Form, sondern auch von unserem individuellen Verständnis abhängen. Psycholog:innen sprechen in diesem Zusammenhang oft auch von einer sog. „kognitiven Verarbeitung“. Übrigens: Besonders interessant ist die Wirkung von Verboten auf unsere Psyche. Oft lösen sie eine Art Trotzreaktion aus: Das Verbotene wird plötzlich attraktiver. Kennen Sie das auch? Daran zeigt sich, dass Verbote nicht nur regulieren, sondern auch Emotionen auslösen können. Der Kontext entscheidet also, ob wir ein Verbot akzeptieren oder eben hinterfragen.

Wie dem auch sei: Schilder wirken auf uns, indem sie unser Denken anregen und analog dazu unsere Entscheidungen (um-)lenken.  Gebots- und Verbotsschilder sind demnach nicht nur farblich markierte Einschränkungen, sondern interessante gesellschaftliche Botschaften. Zum einen heben Gebote hervor, was gefordert wird, zum anderen stellen Verbote klar, was in einer Gesellschaft nicht geduldet wird. Skizziert werden kann dies am Exempel des Rauchverbots innerhalb der Gastronomie in Österreich (gem. § 12 Abs. 1 Z 4 TNRSG), denn das Rauchverbot will uns sagen: Die Gesundheit aller ist wichtiger als das Recht auf Genuss des Individuums. Im Alltag erscheint das Verbot des Rauchens zunächst vielleicht einfach, doch damit ist eine tiefe ethische Abwägung verbunden.

Foto 3 für Blogbeitrag zum Thema Gebote und Verbote zeigt Rauchen verboten-Schild

Nichtraucher:innen-Schutz: Diese Schilder erlebten im Jahr 2019 einen Aufschwung, denn seit 2019 ist Österreichs Gastronomie rauchfrei.
© M. Possard (2024)

 

Fazit: Und was nun?

Die Schilder machen also etwas mit uns Menschen, sie leiten uns unbemerkt durch den Alltag. So spurlos sie an uns Menschen, etwa bei einer Auto- oder Zugfahrt, immer auch vorbei ziehen mögen, so sehr ergreifen sie uns immer wieder aufs Neue – und das unbeabsichtigt. Sie formen unser Verhalten, spiegeln unsere Werte wider und laden uns dazu ein, über unsere Verantwortung nachzudenken. Und doch sind sie keine starren Konstrukte: Wir alle, die wir eine Gesellschaft sind, entscheiden letztendlich, welche Regeln wir brauchen und welche wir hinterfragen sollten. Sollten Sie das nächste Mal bei einem Stop-Schild mit Ihrem Fahrzeug anhalten, dann bremsen Sie nicht nur, sondern erinnern Sie sich kurz auch an den vorliegenden Beitrag. Überlegen Sie bestenfalls, welche Werte und Gerechtigkeitsprinzipien hinter diesem kleinen, roten Sechseck stehen könnten. Das ist immerhin eine wesentliche Frage der Rechtsethik, denn wenn wir ein Gebot als sinnvoll und gerecht empfinden, sind wir eher bereit, ihm zu folgen. Am Ende aber sind es nicht die Schilder, die unsere Gesellschaft prägen, sondern wir selbst – Sie und ich.


1. März 2025


Marlon Possard

Dr. Marlon Possard ist Assistant Professor für Recht, Ethik und Verwaltung. Er ist Wissenschaftler am Department für Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit und Politik (Institut für Public Management) sowie am Research Center Administrative Sciences (RCAS) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Campus Wien (HCW). Darüber hinaus lehrt und forscht er am Institut für digitale Transformation und künstliche Intelligenz an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und Berlin (SFU) und leitet ebendort das Department für Ethik der künstlichen Intelligenz. Zusätzlich ist er Gastforscher an der Harvard University (USA). Er ist Autor von über 140 Beiträgen und Publikationen zu Fragen des Rechts, der Ethik und der Verwaltung.


Portraitfoto von Marlon Possard

 © M. Possard/Privat

 

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