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Wozu überhaupt Rechtsethik? Neue Perspektiven für die Juristerei 2.0

Possard. | RECHT.ethisch.
Beitrag von Marlon Possard
Banner für Blogbeitrag zum Thema Wozu überhaupt Rechtsethik? zeigt Statue der Justitia vor einer Person im Anzug

Moralische Dimensionen des Rechts als Grundfrage

Die Rechtsethik ist kein neues Phänomen, sie hat sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt und ist auch noch heute – im Jahr 2025 – Gegenstand von kontroversen Diskussionen. Schon in der Antike, insbesondere bei Aristoteles (384-322 v. Chr.), spielte die Ethik im Rahmen des Zusammenspiels zwischen Recht und Gerechtigkeit eine bedeutende Rolle. Darüber hinaus nahm die Frage nach moralischen Aspekten innerhalb der Juristerei vor allem im römischen Recht und dann im Mittelalter aufgrund des kanonischen Rechts eine wesentliche Stellung ein. Erst in der Moderne wurde die Trennung von Recht und Moral maßgeblich vollzogen, in der Aufklärung fand die Absonderung zwischen den beiden Disziplinen ihren Höhepunkt. Das Erstarken des Gedanken des Rechtspositivismus führte schlussendlich dazu, dass Moral und Ethik als Komplexe begriffen wurden, die sich außerhalb der Rechtssphäre befinden. Natürlich leisteten einige prominente Denker:innen dazu das Ihrige, wie etwa der an der Universität Wien Habilitierte Hans Kelsen (1881-1973) mit seiner „Reinen Rechtslehre“ (1934) – immerhin der Gründervater des österreichischen B-VG. Aber wie steht es um die Ethik des Rechts heute?

Juristische Praxis im Umbruch

Die rechtliche Praxis konzentriert sich auch gegenwärtig hauptsächlich auf die Anwendung von Gesetzen und Normen – und das natürlich aus vielen guten Gründen heraus. Zwar bleiben diese normativen Grundlagen nach wie vor zentral für die juristische Arbeit, doch die Frage nach ethischen Gesichtspunkten gewinnt auch in der juristischen Alltagsarbeit weiter an Bedeutung. De facto kann beobachtet werden, dass sich das juristische Berufsbild dahingehend wandelt. Eine solche Verschiebung lässt sich nicht nur durch die zunehmende rechtliche Komplexität in einer modernen Gesellschaft erklären, sondern auch durch jene Herausforderungen, die mit einer steigenden Verrechtlichung in einer globalisierten und vernetzen Welt konnektiert sind.

Jurist:innen-Ausbildung auf dem Prüfstand

Betrachtet man die verschiedenen juristischen Curricula an Universitäten und Hochschulen, so zeigt sich, dass juristischen Grundlagenfächern und konstitutiven Fragen des Rechts gegenwärtig immer weniger Beachtung zukommen. Insbesondere an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit rechtsethischen Fragestellungen mangelt es nicht selten, selbst wenn sie den Kern der Rechtsphilosophie bilden. Zwischen all den klassischen Lehren hinsichtlich der Gebote und Verbote und fernab von reiner Subsumtion von Sachverhalten in den unterschiedlichen Rechtsbereichen, verhilft die Rechtsethik Jurist:innen von heute zu einer prioritären Eigenschaft, die da lautet: Ich kann Gesetze effizient bewerten und interpretieren und gute Entscheidungen treffen – und das bei gleichzeitigem Vorhandensein von moralisch-komplexen Fragestellungen. In der Ethik nennt man diese Herausforderungen klassische Dilemmata. Rechtsethik hat jedenfalls Relevanz, auch und gerade für Jurist:innen verschiedener Couleur im 21. Jahrhundert.

Komplexe Welt – komplexes Recht? Rechtsethik als Schlüsselkompetenz

Wenn sich die klassische Juristerei nur dem Paragraphendschungel hingibt, wenngleich dies eine wesentliche Aufgabe ist, dabei aber jenen Weitblick außer Acht lässt, die Entscheidungen im Jahr 2025 erfordern, so läuft das Recht selbst in Gefahr, zu einem rein mechanischen System zu verkommen – fernab jeglicher gesellschaftlicher Realität. Rechtsnormen basieren eben auf dem Anspruch, menschliche Individuen in einem Staatsgefüge zu leiten. Um dem Anspruch einer solchen Führung aber gerecht zu werden, müssen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen erst verstanden und die Gestaltung des Rechts hinterfragt und moralisch bewertet werden. Summa summarum zeigt sich, dass Rechtsethik nicht als ein reines theoretisches Ideal fernab jeglicher praktischen Relevanz verstanden werden darf. Im Gegenteil: Für Jurist:innen ist es essenziell, die ethischen Dimensionen von Entscheidungen und Bestimmungen zu verstehen, da sie in einer zunehmend komplexeren Rechtswelt häufig mit Situationen konfrontiert sind, in denen gesetzliche Bestimmungen in direkter Konfrontation zu moralischen Wertevorstellungen stehen. Diesbezüglich konnten in den vergangenen Jahren auch in Österreich zahlreiche Beispiele beobachtet werden, wie etwa Fragen im Kontext der Verhältnismäßigkeit von Strafen oder Fragen in Bezug auf den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI), Fortpflanzungsmedizin oder Sterbehilfe. Die Rechtsethik möchte genau bei diesen Fragen ansetzen und Orientierung bieten – mit dem Ziel, einen Ausgleich zwischen legalem Formalismus und gesellschaftlichen Lebenswirklichkeiten zu schaffen. Und Jurist:innen, die ethische Prinzipien verstehen, leisten gleichzeitig einen Beitrag dazu, das häufige Vorurteil, nämlich eine juristische Blindheit für soziale Wirklichkeiten zu besitzen, sukzessive aufzulösen.

7. Jänner 2025

Marlon Possard 

Dr. Marlon Possard ist Assistant Professor für Recht, Ethik und Verwaltung. Er ist Wissenschaftler am Department für Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit und Politik (Institut für Public Management) sowie am Research Center Administrative Sciences (RCAS) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Campus Wien (HCW). Darüber hinaus lehrt und forscht er am Institut für digitale Transformation und künstliche Intelligenz an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und Berlin (SFU) und leitet ebendort das Department für Ethik der künstlichen Intelligenz. Zusätzlich ist er Gastforscher an der Harvard University (USA). Er ist Autor von über 140 Beiträgen und Publikationen zu Fragen des Rechts, der Ethik und der Verwaltung.

Portraitfoto von Marlon Possard

 © M. Possard/Privat

 

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