Icon Kontrast wechseln
  • versandkostenfrei ab € 30,–
  • österreichisches Unternehmen
Menü

Die Radbruchsche Formel: Ein Plädoyer für Gerechtigkeit

Possard. | RECHT.ethisch.
Beitrag von Marlon Possard
Banner für Beitrag zum Thema Rechtsethik und Radbruch zeigt das Wort Justice, das mit Scrabblesteinen gelegt wurde

Rechtsethik in Krisenzeiten

Die gegenwärtige Gesellschaft ist mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert: Der Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) und sozialen Medien, aber auch der Verlust von Vertrauen in rechtsstaatliche Institutionen durch die Bürger:innen wirft viele neue Fragen auf. Gleichzeitig schreiten Populismus und gesellschaftliche Polarisierung in unterschiedlichen Ausprägungen voran. In einer Welt, die sich – nicht zuletzt aufgrund der Globalisierung – ständig neu ausrichtet und verändert, gewinnen Diskussionen über rechtsethisches Handeln sukzessive an Bedeutung. Innerhalb solcher Auseinandersetzungen wird häufig auch die sog. Radbruchsche Formel aus unterschiedlichen Perspektiven debattiert. Die Formel stammt von Gustav Radbruch (1878-1949), einem deutschen Juristen und Philosophen. Er entwickelte die Formel in den 1940er Jahren. Die Formel dient dazu, das Spannungsverhältnis zwischen lex einerseits und iustitia andererseits darzustellen – und ist damit heute, in einer Welt von scheinbar zerrütteten Menschenrechten, aktueller denn je. Auch in der österreichischen Rechtsprechung. 

Radbruch zwischen Recht und Ethik

Jedenfalls befasste sich Radbruch intensiv mit der Frage, wie Recht und Gerechtigkeit zusammenwirken sollten. Nach den Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland (1933-1945) wandte sich Radbruch von einem rein positivistischen Rechtsverständnis ab, das allein auf die Gültigkeit von Gesetzen ohne moralische Prüfung abstellt. Stattdessen plädierte er für ein Recht, das auf ethischen Prinzipien basiert. Im Vordergrund stand nunmehr eine Art Einklang, nämlich zwischen Recht und Gerechtigkeitsprinzipien, und die Frage: Wann ist positiv gesatztes Recht so ungerecht, dass es de facto kein Recht mehr ist? Für Radbruch ist – im Kontext der Sicherstellung von Rechtssicherheit – zunächst klar: Das positive Recht hat Vorrang, auch wenn es ungerecht ist. Aber: Wenn gesetzliche Bestimmungen in einem außerordentlichen Maß in einem Widerspruch zu Aspekten der Gerechtigkeit stehen und diese auffallend verletzen, so verliert das positive Recht gleichzeitig seinen Geltungsanspruch. Radbruch, der geprägt von seiner Zeit im totalitären System war, versucht mit seiner Formel, die mögliche Problematik, dass Unrecht zu Recht werden kann, zu reduzieren. Schlussendlich fanden die radbruchschen Überlegungen Eingang in die Rechtsprechung, insbesondere nach Ende des nationalsozialistischen Regimes. Und wer sich mit heute an den Universitäten mit Rechtsethik befasst, kommt an Radbruch wiederum nicht vorbei.

Rechtsethik als Mahnung – auch für Österreich

Auch für Österreich, das selbst unter der nationalsozialistischen Diktatur gelitten hat, spielt die Radbruchsche Formel eine wichtige Rolle. Sie will für den Rechtsstaat und die justizielle Unabhängigkeit von heute in erster Linie Mahnung sein. Sie hebt hervor, dass der Rechtsstaat ¬– und sei er noch so rechtspositiv ausgerichtet – nicht von ethischen Prinzipien getrennt werden darf. In den vergangenen Jahren zeigte sich die Relevanz der Radbruchschen Formel zum einen im Bereich der rechtlichen und ethischen Diskussion rund um Fragen der Gewährung von Asyl und der Einhaltung von Menschenrechten und zum anderen im Rahmen des Schutzes von Minderheitenrechten. Vor allem Entscheidungen zu Migration und Integration stehen oft im Spannungsfeld zwischen Gesetz und moralischer Verantwortung. Hier stellt sich die Frage: Sind rechtliche Regelungen, die den Zugang zu Asyl erschweren, immer gerecht? Oder verletzt bereits eine rein formalistische Anwendung von Gesetzesbestimmungen grundlegende Werte von Menschen (z. B. die Würde)? Radbruch und seine Formel können in solchen (politischen) Diskussionen keine endgültigen Lösungen bieten, aber immerhin helfen sie, solche Debatten überhaupt zu führen – mit dem Ziel, eben ein Gleichgewicht zwischen Gesetz (= Recht) und Gerechtigkeit (= Ethik) zu finden. Letzterer Punkt ist gerade in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft, in der sich Elemente von Extremismus und Populismus vermischen, von Priorität.

Rechtsethik: Kein Luxus, sondern Notwendigkeit

Radbruch will seine Formel auf jeden Fall nicht nur als bloße abstrakte Philosophie verstehen, sondern vor allem als praktisches Konzept – und er fordert ganz konkret Verantwortung von Jurist:innen (und Politiker:innen) ein. Das Pflichtbewusstsein, das Radbruch meint, liegt u. a. in dem Infragestellen unethischer Gesetze bei gleichzeitiger Sicherstellung von Gerechtigkeit. Mit Blick auf Österreich kann daher konkludiert werden, dass gerade dort, wo beispielsweise Korruption das Vertrauen der Bürger:innen in rechtsstaatliche Einrichtungen erschüttert, die Radbruchsche Formel ansetzen möchte. Radbruch geht es mehr als nur um eine positivrechtliche Legitimation, sondern primär um eine ethische Rechtfertigung staatlichen Rechts. Abgesehen davon kann die Radbruchsche Formel als etwas aufgefasst werden, das uns allen Wachsamkeit vermitteln möchte – quasi als ein ethischer Kompass in einer oftmals ungerechten Welt.

Literatur: Radbruch, G. (1946): „Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht.“ In: Süddeutsche Juristen-Zeitung (Jg. 1, Nr. 5). Tübingen: Mohr Siebeck Verlag, pp. 105-108

3. Februar 2025

Marlon Possard

Dr. Marlon Possard ist Assistant Professor für Recht, Ethik und Verwaltung. Er ist Wissenschaftler am Department für Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit und Politik (Institut für Public Management) sowie am Research Center Administrative Sciences (RCAS) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Campus Wien (HCW). Darüber hinaus lehrt und forscht er am Institut für digitale Transformation und künstliche Intelligenz an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und Berlin (SFU) und leitet ebendort das Department für Ethik der künstlichen Intelligenz. Zusätzlich ist er Gastforscher an der Harvard University (USA). Er ist Autor von über 140 Beiträgen und Publikationen zu Fragen des Rechts, der Ethik und der Verwaltung.

Portraitfoto von Marlon Possard

 © M. Possard/Privat

 

alle Beiträge von Possard.|RECHT.ethisch.

Literatur zum Thema

RECHT.ethisch. 2025

Recht & Ethik im Dialog

RECHT.ethisch. 2025

Veröffentlicht 2026
von Marlon Possard bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2684-1

Was passiert, wenn Recht auf Ethik trifft? Der Blog Possard. | RECHT.ethisch. öffnet seit dem Jahr 2024 den Raum für genau diese Frage. Dabei wird nicht nur über Paragraphen diskutiert, sondern über Verantwortung, Moral und die Entscheidungen, die unser gesamtgesellschaftliches Zusammenleben ...

Verwaltungsethik im Fokus

Ethische Grundlagen & Orientierungshilfen - ein kompaktes Nachschlagewerk für die österreichische Verwaltung

Verwaltungsethik im Fokus

Veröffentlicht 2024
von Marlon Possard bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2573-8

Das Buch bietet eine prägnante, strukturierte und verständlich aufbereitete Einführung in ethische Theorien und in aktuelle ethische Fragestellungen im Kontext der öffentlichen Verwaltung. Von Transparenz und Integrität bis hin zur Verantwortung im Umgang mit öffentlichen Ressourcen: Das Werk ...