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Warum Rechtsethik ein starkes Werkzeug gegen den Klimawandel sein kann
Die Frage nach einem effektiven Umweltschutz in Zeiten des Klimawandels beschäftigt viele Menschen. Die Meinungen darüber divergieren aber.
Klimawandel und die Rolle der Rechtsethik
Die Frage, wie wir als Menschen mit solchen Ereignissen umgehen sollen, ist nicht nur eine gespaltene, sondern berührt in ihrem Kern zwei wesentliche rechtsethische Aspekte, die da lauten: Verantwortung und Gerechtigkeit. Und dass Staaten nun auch verstärkt in die Verantwortung genommen werden, kann mit dem wegweisenden Gutachten des Internationalen Gerichtshofes (IGH) hervorgehoben werden: Der Schutz des Klimas ist keine freiwillige Aufgabe, sondern eine völkerrechtliche Pflicht. Aus Sicht der Rechtsethik ist diese Einschätzung durchaus von Priorität, weil es juristische Verbindlichkeit mit moralischer Dringlichkeit verbindet. Der IGH rückt damit globale Gerechtigkeit ins Zentrum des Völkerrechts und macht deutlich: Verantwortung gegenüber der Menschheit und künftigen Generationen ist nicht verhandelbar – und Recht und Ethik gehen hier Hand in Hand.
Wie dem auch sei: In vielen kontroversen Diskussionen drängt sich häufig die Frage nach der Verantwortung für den Klimawandel in den Mittelpunkt. Wer trägt sie also? Wer leidet darunter – und wer profitiert davon vielleicht sogar? Und vor allem: Wie schaffen wir es als Gesellschaft, fair gegenüber künftigen Generationen zu handeln? Alles relativ komplexe Fragen, auf die es – wohl wenig überraschend – auch keine einfachen Antworten gibt. Vielleicht erscheint es für manche Leser:innen auf den ersten Blick ungewöhnlich, den Begriff der Rechtsethik in diesem Zusammenhang ins Spiel zu bringen. Schließlich denken viele bei Klimaschutz zunächst an Technik, Umwelt und politische Maßnahmen – aber doch nicht an Recht oder gar an Ethik. Doch genau hier liegt ein entscheidender Hebel, der verändernd wirken kann: Der Klimawandel ist nicht nur eine (natur-)wissenschaftliche, sondern eine zutiefst ethische und rechtliche Gerechtigkeitsfrage. Besonders die Idee der Generationengerechtigkeit rückt die Rechtsethik als durchaus mächtiges Instrument in den Fokus, das uns als Gesellschaft dabei helfen kann, eine gerechtere Zukunft zu gestalten – und vielleicht unsere einzige Chance darstellt, bestimmte negative Zukunftsszenarien wirksam und noch rechtzeitig aufzuhalten.
Hans Jonas – und warum Gerechtigkeit nicht warten kann
Für Jonas ist klar, dass sich Entscheidungen, die heute getroffen werden (z. B. in Bezug auf Emissionsgrenzen, auf die Bodennutzung oder auf Energie), unmittelbar auch auf die Lebensbedingungen kommender Generationen auswirken. Darin wird ersichtlich, dass uns insbesondere die Rechtsethik dazu zwingt, die diesbezügliche Verantwortung ernst zu nehmen und sie in verbindliche Normen und Regeln zu gießen. Gleichzeitig kann der enge Konnex zwischen Recht, Ethik und Moral wiederum hervorgehoben werden: Gerechte Gesetze, die dem Schutz der Schwächeren (in diesem Sinne der zukünftigen Menschen) dienen, können dabei ein wesentliches Instrumentarium sein. Denn mittels Gesetzen bleibt die Frage nach der Generationengerechtigkeit nicht nur bei einer Geste des guten Willens, sondern eine gesetzliche Verankerung ermöglicht de facto auch eine wirksame Umsetzung. Als ein praxisnahes und globales Beispiel für das Zusammenspiel zwischen Recht (= nationale Umweltgesetze) und Ethik (= Gedanke der Verantwortung, unterschiedlicher Ressourceneinsatz je nach Staat) kann etwa das Pariser Abkommen aus dem Jahr 2015 genannt werden.
Die globale Schieflage: Klimawandel als Ungerechtigkeit
Der bedeutende amerikanische Philosoph John Rawls (1921-2002) würde in Anbetracht dieser Tatsache wohl betonen, dass gerechte Gesellschaften aber geradezu diejenigen sind, in denen die Chancen und Lasten fair verteilt werden. Sein Gerechtigkeitsideal hat Rawls umfassend in seinem Werk A Theory of Justice (1971) beschrieben, wobei sich im Bereich des Klimawandels gegenwärtig genau das Gegenteil, nämlich eine dramatische Umkehr von Rawls Intentionen, festmachen lässt. Und trotz aller negativen Entwicklungen kann es sich lohnen, rechtsethische Aspekte aktiv in die internationale Klimapolitik zu integrieren (etwa durch verbindliche Verträge oder durch ein einklagbares Recht auf ein gesundes Klima, um nicht zuletzt die Gerechtigkeits- und Schutzpflicht des Staates gegenüber den Bürger:innen zu untermauern).
Übrigens: Dass die rechtliche Wahrung der Natur – und somit der Umwelt – auf internationaler Ebene kein juristisches Neuland darstellt, kann exemplarisch an Art. 71 der ecuadorianischen Verfassung demonstriert werden (= „Rechte der Natur“). Der explizite Verfassungsrang und die eigenen materiellen Rechte der Natur sind dabei immerhin auffällig – und fortschrittlich zugleich.
Was bleibt ist: Rechtsethik wagen
Der österreichische Experte für Klimapolitik von der Universität für Bodenkultur in Wien, Reinhard Steurer, hat im Jahr 2022 im Kontext der Klimaveränderungen einmal treffend gesagt: „Aller Diskurs ist besser als Schweigen“. Angesichts der in diesem Beitrag behandelten Generationengerechtigkeit bleibt summa summarum keine Zeit für Stillstand – wir müssen als Gesellschaft darüber reden, vielleicht sogar darüber streiten und am Ende dann aber auch handeln. Kurzum möchte ich mit dem gegenständlichen Blogbeitrag Folgendes zum Ausdruck bringen: Angesichts der globalen Herausforderungen des Klimawandels ist eine rechtsethische Reflexion unerlässlich, denn nur im bewussten Zusammenspiel von Recht und Ethik kann das Recht seiner normativen Verantwortung gerecht werden, intergenerationale Gerechtigkeit zu sichern und transformative Veränderungen rechtsverbindlich zu gestalten. Let's tackle it together!
Marlon Possard
© M. Possard/Privat
Literatur zum Thema
Recht & Ethik im Dialog
Veröffentlicht 2026
von Marlon Possard bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2684-1
Was passiert, wenn Recht auf Ethik trifft? Der Blog Possard. | RECHT.ethisch. öffnet seit dem Jahr 2024 den Raum für genau diese Frage. Dabei wird nicht nur über Paragraphen diskutiert, sondern über Verantwortung, Moral und die Entscheidungen, die unser gesamtgesellschaftliches Zusammenleben ...
Ethische Grundlagen & Orientierungshilfen - ein kompaktes Nachschlagewerk für die österreichische Verwaltung
Veröffentlicht 2024
von Marlon Possard bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2573-8
Das Buch bietet eine prägnante, strukturierte und verständlich aufbereitete Einführung in ethische Theorien und in aktuelle ethische Fragestellungen im Kontext der öffentlichen Verwaltung. Von Transparenz und Integrität bis hin zur Verantwortung im Umgang mit öffentlichen Ressourcen: Das Werk ...