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Warum Rechtsethik ein starkes Werkzeug gegen den Klimawandel sein kann

Possard. | RECHT.ethisch.
Beitrag von Marlon Possard

Die Frage nach einem effektiven Umweltschutz in Zeiten des Klimawandels beschäftigt viele Menschen. Die Meinungen darüber divergieren aber.

Klimawandel und die Rolle der Rechtsethik

Es ist August und wir schreiben das Jahr 2025. Europa ächzt wieder unter einer beispiellosen Hitzewelle, die fast schon zu einer alljährlichen Gewohnheit verkommt. Während ich diesen Blogbeitrag in meinem gekühlten Büro verfasse, melden einige Weltstädte wieder extrem hohe Temperaturen – darunter auch einige Städte in Europa. Dass der Klimawandel für uns Menschen – und speziell in Europa – in den letzten Jahren immer spürbarer wird, kann anhand von verschiedenen wissenschaftlichen (und daher faktenbasierten) Erkenntnissen skizziert werden, selbst wenn sich das Klima per se nicht messen lässt. Der von mir geschätzte österreichische Meteorologe und Moderator Marcus Wadsak bringt es etwa auf den Punkt, wenn er in seinem Buch Klimawandel gibt es (nicht) schreibt: „Das Klima können wir nicht messen. Aber wir können es anhand der Vielzahl von meteorologischen Daten aus der Vergangenheit ermitteln.“ (Wadsak, 2025).

Die Frage, wie wir als Menschen mit solchen Ereignissen umgehen sollen, ist nicht nur eine gespaltene, sondern berührt in ihrem Kern zwei wesentliche rechtsethische Aspekte, die da lauten: Verantwortung und Gerechtigkeit. Und dass Staaten nun auch verstärkt in die Verantwortung genommen werden, kann mit dem wegweisenden Gutachten des Internationalen Gerichtshofes (IGH) hervorgehoben werden: Der Schutz des Klimas ist keine freiwillige Aufgabe, sondern eine völkerrechtliche Pflicht. Aus Sicht der Rechtsethik ist diese Einschätzung durchaus von Priorität, weil es juristische Verbindlichkeit mit moralischer Dringlichkeit verbindet. Der IGH rückt damit globale Gerechtigkeit ins Zentrum des Völkerrechts und macht deutlich: Verantwortung gegenüber der Menschheit und künftigen Generationen ist nicht verhandelbar – und Recht und Ethik gehen hier Hand in Hand.

Wie dem auch sei: In vielen kontroversen Diskussionen drängt sich häufig die Frage nach der Verantwortung für den Klimawandel in den Mittelpunkt. Wer trägt sie also? Wer leidet darunter – und wer profitiert davon vielleicht sogar? Und vor allem: Wie schaffen wir es als Gesellschaft, fair gegenüber künftigen Generationen zu handeln? Alles relativ komplexe Fragen, auf die es – wohl wenig überraschend – auch keine einfachen Antworten gibt. Vielleicht erscheint es für manche Leser:innen auf den ersten Blick ungewöhnlich, den Begriff der Rechtsethik in diesem Zusammenhang ins Spiel zu bringen. Schließlich denken viele bei Klimaschutz zunächst an Technik, Umwelt und politische Maßnahmen – aber doch nicht an Recht oder gar an Ethik. Doch genau hier liegt ein entscheidender Hebel, der verändernd wirken kann: Der Klimawandel ist nicht nur eine (natur-)wissenschaftliche, sondern eine zutiefst ethische und rechtliche Gerechtigkeitsfrage. Besonders die Idee der Generationengerechtigkeit rückt die Rechtsethik als durchaus mächtiges Instrument in den Fokus, das uns als Gesellschaft dabei helfen kann, eine gerechtere Zukunft zu gestalten – und vielleicht unsere einzige Chance darstellt, bestimmte negative Zukunftsszenarien wirksam und noch rechtzeitig aufzuhalten.

Hans Jonas – und warum Gerechtigkeit nicht warten kann

Eine zentrale Überlegung der Rechtsethik ist, wie von mir bereits angeführt, die Frage nach (Generationen-)Verantwortung – und damit beschäftigten und beschäftigen sich zahlreiche Philosoph:innen. Eine bekannte Figur dahingehend war etwa der deutsche Philosoph Hans Jonas (1903-1993), der sich bereits in den 1970er Jahren mit der besonderen Verantwortung für zukünftige Generationen auseinandergesetzt hat. Er stellte ganz konkret die Frage in den Raum, welche Verantwortung heutige Generationen gegenüber zukünftigen tragen. In seinem ethischen Hauptwerk Das Prinzip Verantwortung (1979) fordert Jonas eine Ethik ein, die nicht mehr nur auf unmittelbare soziale Beziehungen fokussiert ist, sondern auf das Überleben der Menschheit in einer technisch veränderten Welt. Jonas geht es also unter anderem darum, diverse Risiken für das zukünftige menschliche Geschlecht zu vermeiden, um das Geschöpf Mensch in Summe nicht zu gefährden oder längerfristig gar zu schädigen. Und darunter kann auch eine effiziente Umweltpolitik zum Schutz des Klimas subsumiert werden. Was bedeutet das aber nun? 

Für Jonas ist klar, dass sich Entscheidungen, die heute getroffen werden (z. B. in Bezug auf Emissionsgrenzen, auf die Bodennutzung oder auf Energie), unmittelbar auch auf die Lebensbedingungen kommender Generationen auswirken. Darin wird ersichtlich, dass uns insbesondere die Rechtsethik dazu zwingt, die diesbezügliche Verantwortung ernst zu nehmen und sie in verbindliche Normen und Regeln zu gießen. Gleichzeitig kann der enge Konnex zwischen Recht, Ethik und Moral wiederum hervorgehoben werden: Gerechte Gesetze, die dem Schutz der Schwächeren (in diesem Sinne der zukünftigen Menschen) dienen, können dabei ein wesentliches Instrumentarium sein. Denn mittels Gesetzen bleibt die Frage nach der Generationengerechtigkeit nicht nur bei einer Geste des guten Willens, sondern eine gesetzliche Verankerung ermöglicht de facto auch eine wirksame Umsetzung. Als ein praxisnahes und globales Beispiel für das Zusammenspiel zwischen Recht (= nationale Umweltgesetze) und Ethik (= Gedanke der Verantwortung, unterschiedlicher Ressourceneinsatz je nach Staat) kann etwa das Pariser Abkommen aus dem Jahr 2015 genannt werden.

Die globale Schieflage: Klimawandel als Ungerechtigkeit

Ein weiteres ethisches Problemfeld eröffnet sich vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Umweltveränderungen auf unserem Planeten nicht alle Menschen gleichermaßen betreffen. Während Industrienationen lange Zeit überproportional vom CO₂-Ausstoß profitierten, sind es heute oft die Staaten des globalen Südens, die die schwersten Folgen tragen (müssen) – obwohl sie historisch gesehen am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben. Dieses Faktum stellt jedenfalls eine globale Ungerechtigkeit dar.

Der bedeutende amerikanische Philosoph John Rawls (1921-2002) würde in Anbetracht dieser Tatsache wohl betonen, dass gerechte Gesellschaften aber geradezu diejenigen sind, in denen die Chancen und Lasten fair verteilt werden. Sein Gerechtigkeitsideal hat Rawls umfassend in seinem Werk A Theory of Justice (1971) beschrieben, wobei sich im Bereich des Klimawandels gegenwärtig genau das Gegenteil, nämlich eine dramatische Umkehr von Rawls Intentionen, festmachen lässt. Und trotz aller negativen Entwicklungen kann es sich lohnen, rechtsethische Aspekte aktiv in die internationale Klimapolitik zu integrieren (etwa durch verbindliche Verträge oder durch ein einklagbares Recht auf ein gesundes Klima, um nicht zuletzt die Gerechtigkeits- und Schutzpflicht des Staates gegenüber den Bürger:innen zu untermauern).

Übrigens: Dass die rechtliche Wahrung der Natur – und somit der Umwelt – auf internationaler Ebene kein juristisches Neuland darstellt, kann exemplarisch an Art. 71 der ecuadorianischen Verfassung demonstriert werden (= „Rechte der Natur“). Der explizite Verfassungsrang und die eigenen materiellen Rechte der Natur sind dabei immerhin auffällig – und fortschrittlich zugleich.

Was bleibt ist: Rechtsethik wagen

Im Rahmen meines Forschungsaufenthaltes an der Harvard University (USA) im Jahr 2024 besuchte ich unter anderem eine rechtsphilosophische Veranstaltung mit dem Titel „Recht als gestaltende Kraft der Gerechtigkeit“. Es war dieses Motto, das mich zum Verfassen des vorliegenden Beitrags inspiriert hat. Angesichts einer Welt, die buchstäblich im Fieber liegt, mag es vielleicht zunächst befremdlich erscheinen, auf Recht und Ethik als sogenannte „Rettungsanker“ zu hoffen. Doch die Stärke der Rechtsethik liegt genau darin: Sie verknüpft das Streben nach Gerechtigkeit mit der Notwendigkeit, verbindliche und durchsetzbare Regeln zu schaffen – Bestimmungen also, die nicht nur den Status quo sichern, sondern aktiv eine bessere und nachhaltigere Zukunft ermöglichen. Damit kann sie letzten Endes wesentlich zur Gerechtigkeit für zukünftige Generationen beitragen.

Der österreichische Experte für Klimapolitik von der Universität für Bodenkultur in Wien, Reinhard Steurer, hat im Jahr 2022 im Kontext der Klimaveränderungen einmal treffend gesagt: „Aller Diskurs ist besser als Schweigen“. Angesichts der in diesem Beitrag behandelten Generationengerechtigkeit bleibt summa summarum keine Zeit für Stillstand – wir müssen als Gesellschaft darüber reden, vielleicht sogar darüber streiten und am Ende dann aber auch handeln. Kurzum möchte ich mit dem gegenständlichen Blogbeitrag Folgendes zum Ausdruck bringen: Angesichts der globalen Herausforderungen des Klimawandels ist eine rechtsethische Reflexion unerlässlich, denn nur im bewussten Zusammenspiel von Recht und Ethik kann das Recht seiner normativen Verantwortung gerecht werden, intergenerationale Gerechtigkeit zu sichern und transformative Veränderungen rechtsverbindlich zu gestalten. Let's tackle it together!

1. August 2025

Marlon Possard 

Dr. Marlon Possard ist Assistant Professor für Recht, Ethik und Verwaltung. Er ist Wissenschaftler am Department für Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit und Politik (Institut für Public Management) sowie am Research Center Administrative Sciences (RCAS) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Campus Wien (HCW). Darüber hinaus lehrt und forscht er am Institut für digitale Transformation und künstliche Intelligenz an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und Berlin (SFU) und leitet ebendort das Department für Ethik der künstlichen Intelligenz. Zusätzlich ist er Gastforscher an der Harvard University (USA). Er ist Autor von über 140 Beiträgen und Publikationen zu Fragen des Rechts, der Ethik und der Verwaltung.

Portraitfoto von Marlon Possard

 © M. Possard/Privat

 

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Literatur zum Thema

RECHT.ethisch. 2025

Recht & Ethik im Dialog

RECHT.ethisch. 2025

Veröffentlicht 2026
von Marlon Possard bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2684-1

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