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Zunehmende horizontale Regulierung im Bank- und Kapitalmarktrecht
Eine sich verändernde Bank- und Kapitalmarktregulierung
Betrachtet man die Bank- und Kapitalmarktregulierung seit der Globalen
Finanzkrise (GFC) der Jahre 2007/8, so war diese in der ersten Dekade
vor allem geprägt durch zwei zentrale Aspekte: a) einen substantiellen
quantitativen Zuwachs im Bereich der bestehenden Regularien und b) eine
massive regulatorische Erstreckung in damals noch weitestgehend
unregulierte Bereiche. So verwundert es nicht, dass sowohl das Bank-,
als auch das Kapitalmarkt an Komplexität zulegten, sondern beide
expansiv ihre jeweiligen Anwendungsbereiche erstreckten.
Vor
diesem Hintergrund haben sich das Bank- und Kapitalmarktrecht in vielen
praktischen Bereichen voneinander losgelöst, was man gerade in der
Trennung der beiden Rechtsmaterien in der beratenden Praxis sehr gut
erkennen kann. Auch in der eher rudimentären universitären Behandlung
dieser Rechtsgebiete ist mittlerweile eine klare Trennlinie eingezogen.
Dies
mag aus effizienzgetriebenen Spezialisierungsüberlegungen
nachvollziehbar sein, da es in manchen Teilbereichen des Bank- und
Kapitalmarktrechts tatsächlich schwierig ist, aufgrund der enormen
Dynamik immer am aktuellen Letztstand zu sein, jedoch gibt es durchaus
gute Gründe, warum die beiden Rechtsgebiete in der Vergangenheit in der
Regel als Einheit betrachtet wurden.
Ein regulatorischer Dogmenwandel?
Die historische Verquickung des Bank- und Kapitalmarktrechts wurde also
durch die massiven (quantitativen) Folgen der GFC 2007/8 und somit den
schieren Zuwachs an Regularien und deren Erstreckungen sowohl im „Silo“
Bankrecht als auch im „Silo“ Kapitalmarktrecht gelockert. Dies wird aber
– aus dogmatischer Perspektive wohl ungewollt – gerade in den letzten
Jahren dahingehend abgeschwächt, dass das neue Mantra des
EU-Gesetzgebers im Bank- und Kapitalmarktrecht horizontale Regulierung
lautet.
Beginnend mit dem MiFID-Rahmenwerk, vor allem in der
Version MiFID II/MiFIR, ergänzt durch das PRIIPs-Rahmenwerk, das am
point of sale gleiche Transparenzanforderungen fordert, kulminiert in
der gegenwärtigen Diskussion über eine EU-weite Retail Investment
Strategy zeigt sich, dass gerade im Bereich der Governance- und
Transparenzanforderungen – vor allem vor dem regulatorischen Dogma des
Anlegerschutzes – eine neue regulatorische Denkweise entwickelt hat.
Dabei ist davon auszugehen, dass sich diese in den nächsten Jahren
weiter manifestieren wird.
Diese neue regulatorische Denkweise
wird aber durch zwei neuere regulatorische Metathemen untermauert,
nämlich einerseits den Bereich Sustainable Finance, der sich horizontal
über das gesamte Bank- und Kapitalmarktrecht erstreckt, wie auch
andererseits den Bereich der Regulierung der Digitalisierung des
Finanzmarkts, von DORA hin bis zum DLT-Pilot-Regime.
Adaptierungen der Geschäftsmodelle und des regulatorischen Denkens
Dieser skizzierte Dogmenwandel, die zunehmende Bedeutung und nachhaltige Verankerung von horizontalen Regulierungsmaßnahmen stellen neue Herausforderungen für das Bank- und Kapitalmarktrecht dar, weshalb die generelle Empfehlung auszusprechen ist, in der Praxis die jeweiligen Geschäftsmodelle vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen möglicherweise zu adaptieren, da das „Scheuklappen-Denken“ in den traditionellen regulatorischen „Silos“ nur mehr bedingt funktioniert. Für den wissenschaftlichen Diskurs bedeuten diese Entwicklungen das Erfordernis, Bank- und Kapitalmarktrecht wieder verstärkt im Rahmen einer holistischen Betrachtung als Einheit zu betrachten.
Prof. (FH) Dr. Armin Kammel, LL.M. (London), MBA (CLU)
ist Professor (FH) für Bankrecht und Finanzmarktregulierung an der Lauder Business School (LBS) in Wien sowie berät in der Praxis im Bereich Financial Services Regulatory Advisory. Zudem ist Prof. (FH) Dr. Kammel allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger in den Fachbereichen Allg. Kredit, Banken und Börse sowie Ehrenprofessor, Faculty Member sowie Fachkoordinator am Department für Rechtswissenschaften und Internationale Beziehungen an der Donau-Universität Krems (DUK). Prof. (FH) Dr. Kammel ist Autor von mehr als 100 Publikationen zu bank-, kapitalmarkt- und gesellschaftsrechtlichen Themen im In- und Ausland.
© Privat
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