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Grenzüberschreitende Versicherung im Aufbruch

Kommentar von Lisa Katharina Promok

Die grenzüberschreitende Versicherung war lange ein Lehrbuchfall der Binnenmarktlogik: EU-Pass beantragen, Niederlassung oder Dienstleistung melden, und schon „geht’s los“. In der Realität prallen anno 2026 Regelwerke, Gerichtsstände, digitale Vertriebswege und Lieferketten aufeinander. Genau hier setzt der neue Band „Die grenzüberschreitende Versicherung“ an: Er verbindet europäisches und nationales Recht mit Praxisdesigns, Fallbeispielen und aktueller Judikatur. Das Buch ist Band III der Reihe „Science Export Print“ des Forschungsinstituts für Privatversicherungsrecht – und kommt zur rechten Zeit.

1. Doppelte Legalität statt Freipass

Wer grenzüberschreitend vertreibt, lebt in zwei Welten gleichzeitig: Aufsichtsrechtlich gilt das Herkunftslandprinzip (Solvency II/IDD), materielles Marktverhalten bestimmt der Tätigkeitsstaat. Kollisionsrechtlich sind Makler:in und Versicherungsvertrag getrennt anzuknüpfen (Rom I), prozessual regelt Brüssel Ia die Zuständigkeit – mit Schutzforen für Versicherungsnehmer:innen und Geschädigte. Der Band zeigt, wie diese „doppelte Legalität“ im Dreieck Makler:in–Kund:in–Versicherer sauber konstruiert werden kann – und wo sie in der Praxis scheitert.

2. Gruppenversicherung neu gedacht

Gruppenversicherungen galten als elegante Brücke über 27 Rechtsordnungen. Die EuGH Rechtsprechung verschiebt nun die Gewichte: Freiwillige Gruppenmitglieder sind in Teilen wie Versicherungsnehmer:innen zu behandeln – mit Informations- und Widerrufsrechten. Das ist verbraucherschutzlogisch einleuchtend, wirft aber kollisionsrechtlich Sand ins Getriebe: Droht die Rückkehr zu vielen anwendbaren Rechten? Der Band ordnet die Folgen und zeigt, wann sich die Vertriebsidee „Gruppe“ weiterhin lohnt und wann ein Rahmenvertrag mit Individualpolizzen tragfähiger ist.

3. Gerichtsstände und Direktklage: enger, klarer, näher am Kunden bzw. an der Kundin

Mehrpersonale Konstellationen sind das Reizthema der jüngsten Judikatur. Die Direktklage nach Art 13 Abs 2 Brüssel Ia schützt Geschädigte – aber nicht jede:n Zessionar:in. Der EuGH zeichnet die Linie zwischen schutzwürdigen Kläger:innen und professionellen Rechtsdurchsetzer:innen nach. Aktuelle Vorlagen bis hin zum Kfz Garantiefonds zeigen: Der forum actoris Gedanke bleibt stark, wird aber strenger begründet. Der Band liefert die Landkarte – samt Ausblick auf die Brüssel Ia Reform und die ergänzende Rolle der Haager Übereinkommen.

4. Solvency II Review und IRRD: mehr Kapital, mehr Verantwortlichkeit

Mit der Solvency II Überarbeitung wird Eigenkapital freigesetzt – politisch gewollt, um Realwirtschaft, grünen und digitalen Wandel zu finanzieren. Gleichzeitig schafft die neue Insurance Recovery and Resolution Directive (IRRD) ein Sanierungs- und Abwicklungsregime. Das erhöht die Anforderungen an Steuerung, Frühwarnung und grenzüberschreitende Aufsichtskooperation. Der Band erklärt, was das für internationale Gruppen, Home/Host Aufsichten und die tägliche Compliance bedeutet.

5. Produktstandardisierung und „Value for Money“

Wo Produktfreiheit endet, beginnen Benchmarks: Die Retail Investment Initiativen der EU zielen auf verständliche, angemessen bepreiste Produkte. EIOPA Methoden zu Kosten/Leistungs-Vergleichen werden den Markt prägen – auch im Cross Border Vertrieb. Der Band zeigt Chancen und Risiken und skizziert, wie Produktfreigabe (POG), Kostentransparenz und Beratungspflichten operativ zu verknüpfen sind – einschließlich Nettotarifen, Honorarberatung und Nachhaltigkeitspräferenzen.

6. ESG und „Defence“: ein neuer Realismus

Investitionen in die Verteidigungsindustrie kollidieren laut Kommission nicht per se mit Sustainable Finance Vorgaben. Für grenzüberschreitende Anbieter:innen heißt das: Disclosure bleibt Königin. Unterschiedliche nationale Sensibilitäten (zB Umgang mit kontroversen Waffen) machen saubere Offenlegung und Zielmarktabgrenzung umso wichtiger. Der Band trennt Signal von Substanz – und zeigt, wie Vertriebsteams rechtssicher argumentieren.

7. Open Insurance: Daten als Gamechanger

Mit FIDA (Financial Data Access) entsteht ein Rahmen für standardisierte Datenschnittstellen im Finanzsektor. Das kann den grenzüberschreitenden Wettbewerb neu ordnen: vom:von der Datenlieferant:in zum:zur Orchestrator:in. Der Band beschreibt die Weichenstellungen – technisch, vertraglich, wettbewerblich – und rät, frühzeitig Use Cases und Partnerschaften zu definieren, statt sich von Big Tech treiben zu lassen.

8. Cyber, Täuschung und die harte Praxis der Gerichte

Die jüngste deutsche Rechtsprechung zur Cyberversicherung ist ein Weckruf: Falsch beantwortete Risikofragen können zur Leistungsfreiheit führen; Social Engineering Schäden ohne Systemkompromittierung sind keine „Cyber Schäden“ im engeren Sinne. Das Buch fasst die Linie zusammen – und übersetzt sie in Beratungspflichten: belastbare IT-Fragebögen, dokumentierte Kund:innenantworten, klare Abgrenzung zwischen Cyber- und Vertrauensschaden, realistische Erwartungssteuerung bei Lösegeldfragen.

9. Internationale Programme: Design schlägt Wunschliste

Was in der Zentrale als Masterdeckung gedacht ist, muss vor Ort funktionieren: DIC/DIL Brücken, Fronting, Währungen, Steuern, „Cash before Cover“, Pflichtfranchisen, TRIA & Co. Der Band liefert Checklisten und echte Fälle – vom Batteriebrand über Hochwasser Behinderungen bis zur Explosion in der Prozesswärmeversorgung und zeigt, wie Kommunikation, Netzwerk und Schadensteuerung über Ländergrenzen hinweg gelingen.

10. Fazit

Von der Norm zur Navigation Grenzüberschreitende Versicherung ist heute weniger „Paragraf als Prozess“: Rechtswahl, Gerichtsstand, Produktgovernance, Aufsicht, Daten – alles greift ineinander. „Die grenzüberschreitende Versicherung“ macht daraus einen Kompass: klar in der Dogmatik, dicht an der Praxis, konsequent europäisch gedacht.
Dieser Band empfiehlt sich für alle, die grenzüberschreitend gestalten – nicht nur verwalten – wollen. Wer die nächsten Jahre bestehen will, braucht keinen Freipass, sondern ein gutes Navigationsgerät.

17. Juni 2026


Mag.a Lisa Katharina Promok

Mag.a Lisa Katharina Promok ist Senior Scientist am Fachbereich Arbeits- und Wirtschaftsrecht sowie Leiterin des Forschungsinstituts für Privatversicherungsrecht an der Paris Lodron Universität Salzburg. Als Senior Lecturer an der FHWien der WKW und international gefragte Vortragende verbindet sie wissenschaftliche Expertise mit praxisnaher Erfahrung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Versicherungsrecht, in der rechtlichen Auseinandersetzung mit neuen Technologien sowie in den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Versicherungsbranche.

Portraitfoto von Lisa Promok

Foto: © leadersnet_rieck