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Grenzüberschreitende Versicherung im Aufbruch
Kommentar von Lisa Katharina Promok
Die grenzüberschreitende Versicherung war lange ein Lehrbuchfall der Binnenmarktlogik: EU-Pass beantragen, Niederlassung oder Dienstleistung melden, und schon „geht’s los“. In der Realität prallen anno 2026 Regelwerke, Gerichtsstände, digitale Vertriebswege und Lieferketten aufeinander. Genau hier setzt der neue Band „Die grenzüberschreitende Versicherung“ an: Er verbindet europäisches und nationales Recht mit Praxisdesigns, Fallbeispielen und aktueller Judikatur. Das Buch ist Band III der Reihe „Science Export Print“ des Forschungsinstituts für Privatversicherungsrecht – und kommt zur rechten Zeit.
1. Doppelte Legalität statt Freipass
2. Gruppenversicherung neu gedacht
3. Gerichtsstände und Direktklage: enger, klarer, näher am Kunden bzw. an der Kundin
4. Solvency II Review und IRRD: mehr Kapital, mehr Verantwortlichkeit
5. Produktstandardisierung und „Value for Money“
Wo Produktfreiheit endet, beginnen Benchmarks: Die Retail Investment Initiativen der EU zielen auf verständliche, angemessen bepreiste Produkte. EIOPA Methoden zu Kosten/Leistungs-Vergleichen werden den Markt prägen – auch im Cross Border Vertrieb. Der Band zeigt Chancen und Risiken und skizziert, wie Produktfreigabe (POG), Kostentransparenz und Beratungspflichten operativ zu verknüpfen sind – einschließlich Nettotarifen, Honorarberatung und Nachhaltigkeitspräferenzen.
6. ESG und „Defence“: ein neuer Realismus
Investitionen in die Verteidigungsindustrie kollidieren laut Kommission nicht per se mit Sustainable Finance Vorgaben. Für grenzüberschreitende Anbieter:innen heißt das: Disclosure bleibt Königin. Unterschiedliche nationale Sensibilitäten (zB Umgang mit kontroversen Waffen) machen saubere Offenlegung und Zielmarktabgrenzung umso wichtiger. Der Band trennt Signal von Substanz – und zeigt, wie Vertriebsteams rechtssicher argumentieren.
7. Open Insurance: Daten als Gamechanger
Mit FIDA (Financial Data Access) entsteht ein Rahmen für standardisierte Datenschnittstellen im Finanzsektor. Das kann den grenzüberschreitenden Wettbewerb neu ordnen: vom:von der Datenlieferant:in zum:zur Orchestrator:in. Der Band beschreibt die Weichenstellungen – technisch, vertraglich, wettbewerblich – und rät, frühzeitig Use Cases und Partnerschaften zu definieren, statt sich von Big Tech treiben zu lassen.
8. Cyber, Täuschung und die harte Praxis der Gerichte
Die jüngste deutsche Rechtsprechung zur Cyberversicherung ist ein Weckruf: Falsch beantwortete Risikofragen können zur Leistungsfreiheit führen; Social Engineering Schäden ohne Systemkompromittierung sind keine „Cyber Schäden“ im engeren Sinne. Das Buch fasst die Linie zusammen – und übersetzt sie in Beratungspflichten: belastbare IT-Fragebögen, dokumentierte Kund:innenantworten, klare Abgrenzung zwischen Cyber- und Vertrauensschaden, realistische Erwartungssteuerung bei Lösegeldfragen.
9. Internationale Programme: Design schlägt Wunschliste
Was in der Zentrale als Masterdeckung gedacht ist, muss vor Ort funktionieren: DIC/DIL Brücken, Fronting, Währungen, Steuern, „Cash before Cover“, Pflichtfranchisen, TRIA & Co. Der Band liefert Checklisten und echte Fälle – vom Batteriebrand über Hochwasser Behinderungen bis zur Explosion in der Prozesswärmeversorgung und zeigt, wie Kommunikation, Netzwerk und Schadensteuerung über Ländergrenzen hinweg gelingen.
10. Fazit
Von der Norm zur Navigation Grenzüberschreitende Versicherung ist heute weniger „Paragraf als Prozess“: Rechtswahl, Gerichtsstand, Produktgovernance, Aufsicht, Daten – alles greift ineinander. „Die grenzüberschreitende Versicherung“ macht daraus einen Kompass: klar in der Dogmatik, dicht an der Praxis, konsequent europäisch gedacht.
Dieser Band empfiehlt sich für alle, die grenzüberschreitend gestalten – nicht nur verwalten – wollen. Wer die nächsten Jahre bestehen will, braucht keinen Freipass, sondern ein gutes Navigationsgerät.
Mag.a Lisa Katharina Promok
Mag.a Lisa Katharina Promok ist Senior Scientist am Fachbereich Arbeits- und Wirtschaftsrecht sowie Leiterin des Forschungsinstituts für Privatversicherungsrecht an der Paris Lodron Universität Salzburg. Als Senior Lecturer an der FHWien der WKW und international gefragte Vortragende verbindet sie wissenschaftliche Expertise mit praxisnaher Erfahrung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Versicherungsrecht, in der rechtlichen Auseinandersetzung mit neuen Technologien sowie in den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Versicherungsbranche.
Foto: © leadersnet_rieck
Künstliche Intelligenz, ChatGPT und Co
Veröffentlicht 2025
von Lisa Katharina Promok bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2597-4
Science Export Print, Band III
Veröffentlicht 2026
von Lisa Katharina Promok bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2687-2