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Nachfolge gestalten
„Eine Nachfolge braucht Raum für Weiterentwicklung“
Gerti Schatzdorfer kennt beide Seiten der Nachfolge: Ungeplant übernahm sie den elterlichen Betrieb und wurde über Nacht von der Kindergärtnerin zur Industrieunternehmerin – heute übergibt sie an ihre Tochter Marlene. In gemeinsamen Gesprächen mit Katharina Ecker hat sie ihre Geschichte erzählt. Entstanden ist ein Buch, das persönliche Einblicke mit Wissen und konkreten Werkzeugen verbindet. Ein Gespräch über Verantwortung, Veränderung und die Kunst, Übergaben bewusst zu gestalten.
Frau Schatzdorfer, der Titel Ihres Buches lautet „Nachfolge gestalten“. Was bedeutet es für Sie persönlich, Nachfolge zu gestalten – und nicht (nur) zu regeln?
Gerti Schatzdorfer: Etwas zu regeln heißt, formale Rahmen zu schaffen. Das allein reicht aber nicht. Eine Nachfolge braucht Raum für Weiterentwicklung. Das habe ich bei meiner eigenen Übernahme gespürt. Ich wollte damals gestalten, bin aber gegen starre Strukturen gelaufen.
Deshalb war für mich klar: Bei meiner Übergabe soll es anders sein. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit – sagt ein weiser Spruch. Die Nachfolgegeneration muss das Unternehmen und sich selbst gemeinsam weiterentwickeln, um bestehen zu können und einen Sinn darin zu sehen. Wenn Innovation auf Tradition trifft und beides wertgeschätzt wird, kann eine Übergabe gelingen.
Warum ist das Thema Unternehmensnachfolge gerade jetzt so aktuell – und welche Entwicklungen beobachten Sie dabei?
Schatzdorfer: In den nächsten fünf Jahren stehen in Österreich rund 25.000 Familienunternehmen vor der Übergabe – das betrifft mehr als 320.000 Arbeitsplätze. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, begleitet von gesellschaftlichen Trends wie dem Ruf nach Work-Life-Balance, fragen sich viele Jüngere, ob sie diesen Weg gehen wollen. Und die Älteren zögern, ihre Kinder mit der Last des Unternehmertums zu konfrontieren.
Immer öfter werden Betriebe nicht mehr weitergegeben, sondern an internationale Investoren verkauft – mit der Folge, dass Know-how und Innovationskraft ins Ausland abwandern. Das alles hat mich dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben. Ich will aufmerksam machen – und zeigen, wie wichtig es ist, Nachfolge aktiv zu gestalten.
Wie ist das Buch entstanden – wie war der gemeinsame Prozess von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript?
Schatzdorfer: Ich hatte einen Podcast zur Nachfolge produziert und viel positive Resonanz erhalten. Mein Mann meinte, das gehöre in ein Buch. Die Idee ließ mich nicht mehr los. Ich wusste aber auch: Ich brauchte jemanden, der den Prozess begleitet und die richtigen Fragen stellt. Und hier dachte ich sofort an Katharina Ecker, die ich beruflich und als Mensch sehr schätze. Unzählige Stunden sind wir beisammengesessen. Katharina hat viel und tief gefragt, ich habe lange und detailliert geantwortet.
Katharina Ecker: Für mich war es von Anfang an ein sehr spannendes und einzigartiges Projekt. Unsere Gespräche – geführt wie Interviews – bildeten die Grundlage für das Buch. Meine Aufgabe war es, Struktur zu schaffen, Gertis Geschichte herauszuarbeiten und mit den richtigen Fragen in die Tiefe zu gehen. Parallel zur biografischen Arbeit haben wir das Buch inhaltlich ergänzt: mit Daten, Studien, Interviews und Fachwissen, um die Bedeutung von Familienunternehmen für Österreich greifbar zu machen.
Was macht „Nachfolge gestalten“ aus Ihrer Sicht so besonders – inhaltlich wie stilistisch?
Ecker: Es ist ein Buch entstanden, das persönliche Erfahrungen mit Wissen und konkretem Werkzeug verbindet – und zeigt, wie viel in einer gut gestalteten Übergabe steckt. Deutlich wird dabei: Nachfolge ist weit mehr als ein betriebswirtschaftlicher Vorgang. Sie ist ein menschlicher Prozess, oft emotional, immer vielschichtig. Das Buch richtet sich an alle, die sich mit Übergabe, Verantwortung oder Familienunternehmen beschäftigen – beruflich ebenso wie persönlich.
Welche Impulse möchten Sie Frauen mitgeben, die Führungsverantwortung übernehmen – insbesondere in männerdominierten Branchen? Und was hat Ihnen selbst geholfen, Ihre Rolle als Führungskraft selbstbewusst auszufüllen?
Schatzdorfer: Selbstbewusstsein wächst vor allem durch positive Erfahrungen. Das heißt man/frau muss aktiv werden und aus der Komfortzone herausgehen. Nicht darauf warten, dass man mit dem Taxi abgeholt wird, sondern feste Schuhe anziehen, Regenmantel einpacken und losgehen. Mein Appell – insbesondere an Frauen: „Steh auf, dass man dich sieht! – Rede laut, dass man dich hört. Und bleib beharrlich, damit sich die Dinge verändern“. Und: Perfektionismus ist nett, hat sich aber nicht bewährt! (außer bei Ärzt:innen)
Was war für Sie besonders wertvoll an den vielen Gesprächen mit Gerti im Zuge der Entstehung?
Ecker: Gerti ist eine reflektierte Persönlichkeit, die ihr Umfeld nicht nur unternehmerisch, sondern auch gesellschaftlich und gesellschaftspolitisch mitgestalten will. Was sie auszeichnet, ist ihre Bereitschaft, sich mit Tiefe und Ernsthaftigkeit auf Themen einzulassen – und dabei nie die Leichtigkeit zu verlieren. Sie setzt auf lebenslanges Lernen und teilt gleichzeitig ihr Wissen und ihre Erfahrungen. Entwicklung begreift sie als etwas, das nie abgeschlossen ist. Wer mit ihr in Austausch kommt, merkt schnell: Haltung entsteht durch Erfahrung, Offenheit und den Wunsch, Themen und Veränderungen voranzubringen – für sich und für andere.
In Ihrem Buch erzählen Sie sehr offen von Ihrer eigenen Unternehmensübernahme – und binden auch persönliche Erfahrungen aus Kindheit und Familie ein. Welche Rolle haben diese Prägungen für Ihren Weg gespielt?
Schatzdorfer: Wir wissen, dass jeder Mensch von seinen Erfahrungen geprägt wird und dass die Erlebnisse unserer Kindheit unser Leben beeinflussen. Es liegt an uns selbst, wie wir mit positiven und negativen Erfahrungen umgehen und was wir daraus machen. Über das eigene Leben nachzudenken, kann langwierig und schmerzhaft sein, aber auch befreiend und stärkend. Doch genau darin liegt das Potenzial für persönliches Wachstum. Zum anderen sind wir in Rollenbildern und Klischees gefangen. Das führt dazu, dass wir schnell bewerten und unüberlegt verurteilen. Diesen Spiegel möchte ich den mutigen Leser:innen mit meinem Buch hinhalten. Ich möchte zeigen, was sich hinter den Firmenmauern abspielt und wie schwer und schön es sein kann, Unternehmer:in zu sein. Ehrlich, authentisch und klar – das war mein Anspruch bei diesem Buch. Auch die wichtige Rolle dieser Betriebe für unser Land möchte ich aufzeigen und damit gesellschaftliche Wertschätzung für alle Übernehmer:innen einfordern. Die Umwege, die ich nicht immer freiwillig gegangen bin, haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ein zufriedener, unabhängiger und glücklicher Mensch!
Sie haben im Rahmen Ihrer Übergabe mit externer Begleitung durch Frau Prof.in Kalss gearbeitet und eine Familiencharta entwickelt. Was hat dieser strukturierte Prozess für Ihre Familie bewirkt?
Schatzdorfer: Anfangs war ich skeptisch. Ich dachte: Wer kann von außen beurteilen, was unsere Familie braucht? Aber heute weiß ich, dass ein neutraler und professioneller Blick von außen wesentlich zu einer erfolgreichen Übergabe beiträgt.
Die Familiencharta hat uns ermöglicht, unsere Werte und Ziele bewusst zu formulieren – gemeinsam, mit allen Generationen. Sie dient heute als Kompass für unseren Weg. Dass wir mit Frau Prof.in Kalss eine absolute Koryphäe an unserer Seite hatten, war ein großes Glück. Ihre Kombination aus Fachwissen und Feingefühl war für uns entscheidend.
Welche Learnings oder Schlüsselmomente würden Sie Unternehmer:innen mitgeben, die vor einer Übergabe oder Übernahme stehen?
Schatzdorfer: Ein zentraler Punkt ist, sich ehrlich zu fragen, was man will – und was nicht. Das gilt für alle, die in den Prozess eingebunden sind. Oft liegt der Fokus darauf, was jemand kann. Viel entscheidender ist aber, was jemand bereit ist, zu lernen. Nichts schönreden, nichts unausgesprochen lassen, sich den anderen zumuten. Sehr hilfreich ist, die Rollen zu tauschen und sich die Schuhe des anderen anzuziehen.
Was wünschen Sie sich, dass das Buch bewirkt?
Schatzdorfer: Ich möchte mit meinem Buch anregen und aufregen und Menschen dazu motivieren, neue Perspektiven für sich zu finden.
16. Juni 2025
Gerti Schatzdorfer
blickt als „Managerin des Jahres“ und mehrfache „Pegasus-Preisträgerin“ nicht nur auf eine beispiellose Karriere zurück, sondern auch auf einen erfolgreichen Generationswechsel: Ein technisches Unternehmen im Mittelstand, das sie mit Mut, Innovationskraft und Menschlichkeit geprägt und an ihre Tochter übergeben hat – bereit für die Zukunft.
Katharina Ecker im Gespräch mit Gerti Schatzdorfer
Foto: © Laura Melone
Literatur zum Thema
Chancen und Herausforderungen in Familienunternehmen
Veröffentlicht 2025
von Gerti Schatzdorfer bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2620-9
Verantwortung übernehmen – Führung leben – Übergabe gestalten In einer Zeit, in der viele Familienunternehmen vor der Herausforderung stehen, keine:n Nachfolger:in zu finden, bietet dieses Buch eine ermutigende Perspektive auf die Unternehmensnachfolge. Als erfahrene Unternehmerin teilt die ...