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KI-Einsatz bei der juristischen Recherche – ein aktueller Überblick
Kommentar von Dietmar Jahnel
1. Klassische Recherche oder KI-Dialog – was ist der Unterschied?
KI-Systeme hingegen erlauben es, juristische Fragestellungen in natürlicher Sprache zu formulieren. Sie generieren kontextbezogene Antworten mit Quellenverweisen und transformieren den Recherchevorgang zu einem Dialog mit dem KI-System. Der Wechsel von der stichwortbasierten Recherche zur vernetzten Analyse stellt einen Paradigmenwechsel dar – mit Chancen, aber auch Risiken.
LLMs generieren sprachlich überzeugende Antworten auf Grundlage statistischer Wahrscheinlichkeiten. Diese sind zwar häufig auch inhaltlich korrekt, die Problematik liegt jedoch darin, dass gelegentlich auch fehlerhafte Aussagen entstehen, die rein sprachlich nicht als solche erkennbar sind. Juristische Belastbarkeit ist daher nur dann gegeben, wenn Fachpersonen die KIgenerierten Inhalte mit den tatsächlichen Quellen abgleichen. Besonders in der wissenschaftlichen Arbeit kann KI die Vollrecherche daher nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen – insbesondere bei Verwendung von RAG-Technologie (Retrieval-Augmented Generation), die externe Quellen gezielt einbindet. Besonders nützlich ist der Einsatz von KI bei der ersten Einschätzung neuer oder komplexer Rechtsfragen. Die Ergebnisse müssen jedoch stets kritisch geprüft werden. Und: gerade bei neuartigen Fragestellungen sind die Erwartungen an KI realistisch zu halten.
Kreative und analytisch denkende Jurist:innen kann KI nicht ersetzen.
Large Language Models (LLMs) sind KI-Programme, die aus riesigen Textmengen gelernt haben, sprachliche Strukturen zu erfassen und mithilfe von Wahrscheinlichkeitsberechnungen passende Texte erzeugen. Beispiele dafür sind Chatbots wie ChatGPT oder Claude.
Die Unterschiede zwischen klassischer Rechtsrecherche und einem KI-gestützten Dialog lassen sich pointiert so zusammenfassen:
- Bei der Rechtsrecherche muss man Ergebnisse auswerten, aber nicht unbedingt nachprüfen.
- Beim KI-Dialog ist es umgekehrt: Man muss nicht viel auswerten, wohl aber das Ergebnis sorgfältig prüfen.
2. KI-Funktionen klassischer juristischer Datenbanken
Lexis 360 (LexisNexis)
Neben klassischen Recherchemöglichkeiten bietet Lexis 360 „SmartSearch“, ein Tool mit semantischer Suche und KIgenerierten Zusammenfassungen von Entscheidungen. Diese sind nach Überschrift, Sachverhalt, Begründung und Schlagworten gegliedert. Die modulare Preisstruktur beginnt bei EUR 153,–/Monat (exkl. MwSt).
RDB (Manz)
Bietet semantische Suche und eine Ähnlichkeitssuche für thematisch verwandte Dokumente. Die Inhalte stammen primär aus dem Verlag Manz; weitere Werke sind zubuchbar, preislich differenziert nach Umfang und Unternehmensgröße.
RIDA
Als verlagsübergreifende Rechtsdatenbank bietet RIDA auch Zugang zu juristischen Fachbeiträgen aus Sammelbänden und Festschriften (zB des facultas-Verlags). An KI-Tools wird eine Freitextanalyse, die juristische Stichworte aus Sachverhaltsschilderungen ableitet, Kurzzusammenfassungen der Judikate (Leitsätze, Sachverhalt und wesentlicher Inhalt), sowie ein Auswertungsassistent geboten. Einstiegspreis: ab EUR 71,–/Monat (exkl. MwSt).
3. Neue KI-basierte Recherchetools
AI:ssociate
Kombiniert ein generatives Sprachmodell mit einer selbst aufgebauten juristischen Wissensdatenbank (1 Mio. Seiten, inkl. RIS und Findok, keine Fachliteratur). Nutzer:innen können eigene Dokumente hochladen, die automatisch pseudonymisiert werden. Die Plattform liefert vollständige Antworttexte mit Quellenverweisen. Abopreise zwischen EUR 39,– und EUR 69,– /Monat (exkl. MwSt).
Genjus KI (Manz)
Baut auf RDB-Inhalten auf und nutzt Modelle wie Claude 3.7 und Noxtua. Bietet natürliche Spracheingabe, präzise Antworten mit Verlinkung zu den herangezogenen Quellen, Zusammenfassungen sowie eine Volltext-Ansicht der zitierten Fundstellen. Der Preis richtet sich nach der Anzahl der Nutzer:innen.
Lexis+AI (LexisNexis)
Erweitert Lexis 360 durch ein KI-Modul. Dieses beantwortet juristische Fragen, generiert Texte, fasst Entscheidungen zusammen und analysiert hochgeladene Dokumente. Das System stützt sich auf eine umfangreiche Sammlung von LexisNexis-Inhalten. Preislich ist Lexis+AI ein Zusatzprodukt zu Lexis 360.
RechtGPT
Basiert auf öffentlich zugänglichen Quellen aus Österreich, Deutschland und der EU. Bietet juristische Recherche, Dokumentenanalyse und Antworten mit verlinkten Dokumenten. Inhalte von juristische Fachverlagen sind nicht eingebunden. Preis: EUR 20,– bis EUR 40,–/Monat (exkl. MwSt) pro Benutzer:in, je nach Abfragevolumen.
4. Fazit mit Stand Juli 2025
KI-gestützte Recherchetools (besser: Dialogsysteme) bieten neue, effiziente Möglichkeiten, insbesondere für den ersten Zugang zu juristischen Fragestellungen. Sie funktionieren am besten, wenn sie mit zuverlässigen Quellen verknüpft sind. Die Ergebnisse müssen immer von kundigen Jurist:innen kritisch überprüft werden. Der Einsatz solcher Systeme ersetzt keine fundierte Rechtsanalyse, kann diese aber sinnvoll ergänzen. Die Legal-Tech-Landschaft in Österreich entwickelt sich dynamisch. Große Anbieter wie Manz und LexisNexis setzen auf KI-Systeme, die neben öffentlichen Quellen auch eigene Verlagsinhalte nutzen – allerdings ohne transparente Angaben zu den konkreten Publikationen oder Preisen. Die Systeme gelten als hochpreisig, Testzugänge sind auf Anfrage erhältlich. Demgegenüber stehen zwei Start-ups (AI:ssociate und RechtGPT), die reine KI-Tools zur Erschließung öffentlich zugänglicher Dokumente anbieten. Die RIDADatenbank verbindet die Recherche mit KI-Funktionen. Diese drei Lösungen sind im Einstiegssegment bereits im dreistelligen Eurobereich jährlich verfügbar. Testzugänge sind direkt über die jeweiligen Websites möglich.
Dr. Dietmar Jahnel
Dr. Dietmar Jahnel ist Universitätsprofessor am Fachbereich Öffentliches Recht der Universität Salzburg und Vortragender des Universitätslehrgangs für Informations- und Medienrecht an der Universität Wien. Er ist Autor zahlreicher Publikationen mit den Schwerpunkten Datenschutzrecht und Legal Tech sowie Entwickler und Herausgeber der Rechtsdatenbank RIDA.
Literatur zum Thema
Veröffentlicht 2024
von Dietmar Jahnel, Angelika Pallwein-Prettner bei facultas
ISBN: 978-3-7089-2503-5
Dieses Buch bietet einen kompakten Überblick über das neue Datenschutzregime und richtet sich an Studierende an Universitäten und Fachhochschulen ebenso wie an rechtlich interessierte (auch nicht juristisch ausgebildete) Praktiker und Praktikerinnen. Die Darstellung der Rechtslage umfasst neben ...