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Wie eine Zukunft mit KI gelingen kann

Beitrag von Alice Schmidt
Gruppenfoto von Alice Schmidt, Claudia Winkler, Florian Schütz und Jeroen Dobbelaere

Foto: © Stefnie J. Steindl

Künstliche Intelligenz hat großes transformatives Potenzial und kann ganze Branchen revolutionieren. Doch was macht KI mit unserer Gesellschaft? Wir haben es in der Hand, unsere Zukunft mit KI positiv zu gestalten, aber das ist nur möglich, wenn wir alle KI-Kompetenz entwickeln und auf verantwortungsvolle KI setzen. Es braucht eine ganzheitliche Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven und die Einbindung von Expert:innen aus sämtlichen Fachgebieten.

Künstliche Intelligenz ist womöglich eine der größten Revolutionen der Geschichte. Wenn auch von zahlreichen Menschen noch unbemerkt, wird sie in eine Reihe mit den wesentlichsten Meilensteinen der menschlichen Entwicklung gestellt, wie der Erfindung des Internets, der Dampfmaschine oder gar des Rades. Es scheint, als stünden wir am Beginn eines massiven Wandels, der womöglich darüber entscheiden wird, ob unsere Zivilisation längerfristig überlegen und gedeihen kann, oder nicht.

Hier geht es um konkrete, aktuelle Herausforderungen – aber auch zahlreiche ungenützte Chancen – die schon längst Realität sind. Die gute Nachricht ist, dass wir es noch in der Hand haben, KI so zu gestalten und zu regulieren, dass sie eine positive Zukunft fördert. Grundsätzlich ist es durchaus möglich, die Entwicklung von KI im Sinne des Digitalen Humanismus und der nachhaltigen Entwicklungsziele zu steuern, um unsere Zukunft inklusiv und regenerativ zu gestalten.

KI ist kein Technologie-Thema

Dafür ist es essentiell, dass KI nicht einfach als Technologie-Thema verstanden und somit Datenspezialist:innen oder IT-Fachkräften überlassen wird. Das ist auch der Grund, warum unser neues Buch nur mit mehreren Ko-Autor:innen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Nachhaltigkeit, Technologie, Wirtschaft oder Wissenschaft entstehen konnte. Wie wir in Fast Forward beschreiben, wirkt sich KI auf alle Bereiche der Gesellschaft aus, und zwar sowohl positiv als auch negativ.

In Fast Forward haben wir untersucht und mit zahlreichen Daten und Beispielen belegt, was von der Wirkung von KI in den Bereichen Arbeit, Bildung, Demokratie, Gesundheit, Soziales, Umwelt, Wirtschaft und Wissenschaft bereits bekannt ist. Gleichzeitig bieten wir einen Überblick darüber, wie sich KI auf Politik und Militär und die Zukunft militärischer Auseinandersetzungen auswirken wird. Dabei präsentieren wir eine ausgewogene Übersicht sowohl über positive als auch negative Aspekte, die sich bei näherer Betrachtung aktuell ergeben – und die wohl auch in den nächsten Jahren nicht an Gültigkeit verlieren werden.

Wie wirkt KI auf unsere Gesellschaft?

In allen gesellschaftlichen Bereichen birgt der Einsatz von KI sowohl Chancen als auch Risiken. Während mehr und mehr Jobs von Maschinen übernommen werden können und Menschen somit ihre Arbeit verlieren, entstehen durch KI auch neue Berufsbilder. In einigen Sparten spricht man von Augmentation durch KI, wo repetitive, analytische Tätigkeiten entfallen und Menschen sich vermehrt auf jene Aufgaben konzentrieren können, die sie gerne tun und wo sie einstweilen unersetzbar sind. Denken Sie zum Beispiel an Ärzt:innen, die durch KI-gestützte Diagnosen und Therapiemöglichkeiten nun mehr Zeit haben, um sich mit Patient:innen auseinander zu setzen.

Denken Sie auch an Lehrende, die auf Knopfdruck Aufgaben erstellen lassen können, die nicht nur aktuell und inhaltlich relevant sind, sondern auch auf den individuellen Lernfortschritt von Schüler:innen eingehen. Denken Sie an wissenschaftliche Prozesse, wo zum Beispiel Proteinstrukturen nun nicht mehr mühsam und kostspielig im Labor untersucht werden müssen, sondern durch KI in kürzester Zeit in ihrer Gesamtheit höchst ressourceneffi zient dargestellt werden konnten und nun für die weitere Forschung an Impfstoff en oder individualisierter Krebstherapie zur Verfügung stehen. Denken Sie auch an die Möglichkeiten, die automatische Übersetzung von gesprochener Sprache in geschriebenen Text zum Beispiel für die Inklusion von Menschen mit Hörschäden bieten, oder wie durch Bilderkennung die Daten von Erdüberwachungssatelliten verwendet werden, um festzustellen, wo mehr CO2-Emissionen austreten als veranschlagt oder wie ökologisch eff ektiv Aufforstungsprojekte tatsächlich sind.

Die mit KI verbundenen Risiken sind oft anders als die, über die sich viele Menschen heute Gedanken machen. Dass Student:innen ihre Seminararbeiten mit ChatGPT schreiben, ist ein lösbares Problem. Der ökologische Fußabdruck der Digitalisierung ist enorm, aber er kann reduziert werden – so man das will und aktiv steuert. Auch werden wir als Gesellschaft Wege finden, um vertrauenswürdige KI-Systeme zu schaffen, die eine Zusammenarbeit mit KI auf Augenhöhe ermöglichen, ob im Gesundheitswesen oder in der Rechtswissenschaft.

In dem Maße, in dem KI-Systeme leistungsfähiger und allgegenwärtiger werden, steigen die Risiken fü r unbeabsichtigte Folgen, Missbrauch und unerwü nschte Nebenwirkungen, zum Beispiel in der Verwendung von Deepfakes oder autonomer Waff ensysteme. Wenn wir die Risiken nicht ernst nehmen – und in einer auf Optimismus trainierten Big-Tech Welt ist das ein durchaus ernstzunehmender Faktor – werden wir auch die Chancen nicht ausreichend nutzen und unseren gesamtgesellschaftlichen Mehrwert nicht maximieren können.

Wer hat die Zukunft in der Hand?

Die Wirkungen von KI sind nur mäßig erforscht, und das liegt unter anderem daran, dass sich KI-Entwicklung von Universitäten und öff entlichen Institutionen zum Privatsektor hin verlagert hat. Waren bis vor zehn Jahren Universitäten führend in der Entwicklung von KI, sind es nun vor allem Unternehmen, die KI entwickeln und auch dazu forschen. Im Jahr 2022 gab es beispielsweise 32 bedeutende, von Unternehmen produzierte Machine-Learning- Modelle, aber nur drei, die in der akademischen Welt entwickelt wurden. Die Kü rzung der Mittel fü r akademische KI-Forschung in den USA und Japan in den frü hen 1990er-Jahren, gepaart mit dem Aufkommen der ersten kommerziellen militärischen KI-Anwendungen lieferte den großen Technologieunternehmen – auch Big Tech genannt – sowohl die fi nanzielle Motivation als auch den notwendigen Pool an fachkundigen Mitarbeiter:innen.

Da die kommerzielle Verwertung nicht immer humanistischen Grundprinzipien wie Fairness, Transparenz, Verantwortlichkeit oder Sicherheit folgt, sondern vorranging auf Gewinn und Marktdominanz ausgerichtet ist, wird auch die Wirkung von KI nicht ausreichend beleuchtet, diskutiert und erforscht. Die sich selbst erhaltende Macht von Big Tech ist ein besorgniserregender Trend, der nicht zuletzt die Zukunft der Demokratie und der Privatsphäre bedroht.

Die rasant zunehmende Bedeutung von KI fü r die Weltwirtschaft wird dazu führen, dass die großen Technologieunternehmen noch viel mächtiger werden. Sie gehören bereits zu den reichsten Unternehmen der Welt, deren Marktkapitalisierung das BIP vieler Nationalstaaten ü bersteigt. Das wiederum erschwert eine sinnvolle Regulierung zum Wohle der Allgemeinheit. Die staatliche Regulierung hinkt hinterher, und eine Selbstregulierung durch Unternehmen funktioniert nicht, wie wir nicht zuletzt im Bereich der Nachhaltigkeit gesehen haben.

Was können wir tun?

Daher ist es unerlässlich, unseren technologischen Fortschritt aktiv und bewusst zu gestalten. Die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern muss auf einen sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltigen Wandel ausgerichtet sein. Große Macht bringt große Verantwortung. Deshalb kommt den großen Technologieunternehmen und den Regierungen eine besonders wichtige Rolle zu.

Aber KI geht uns alle an. Wir alle mü ssen aktiv mitgestalten, damit ein gesamtgesellschaftlicher Mehrwert entstehen kann. Eine Möglichkeit, sich zu engagieren, besteht darin, Entscheidungsträger:innen auf Unternehmensund Regierungsebene zur Rechenschaft zu ziehen und immer wieder nach den Auswirkungen von KI-Modellen zu fragen sowie Wirkungsforschung großzügig zu unterstützen.

Wir, die wir in Europa leben und im internationalen Vergleich äußerst privilegiert sind, tragen eine große Verantwortung für die Zukunft unserer globalen Gesellschaft, das gilt bildungstechnisch genauso wie ökologisch und sozial. Es ist durchaus möglich, eine Welt mit KI so zu gestalten, dass unsere Zukunft humanistischen, demokratischen Zielen gerecht wird und sowohl ökologisch regenerativ als auch sozial inklusiv wird, aber das ist nur im Rahmen eines gesamtgesellschaftlichen Projekts möglich. Wir haben es in der Hand, die Zukunft positiv zu gestalten.

11. Juni 2024


Alice Schmidt

ist eine führende Expertin und gefragte Rednerin für globale nachhaltige Entwicklung. Sie ist Senior Lecturer an der WU Wien und berät international tätige Unternehmen und Non-Profits rund um die Themen Zukunft, Nachhaltigkeit und Wirkungsmessung.

Literatur zum Thema

FAST FORWARD

Die KI-Revolution: Chancen und Risiken

FAST FORWARD

Veröffentlicht 2024
von Alice Schmidt, Claudia Winkler, Florian Schütz, Jeroen Dobbelaere bei facultas / maudrich
ISBN: 978-3-99002-170-5

KI – Fluch oder Segen? Was macht Künstliche Intelligenz mit unserer Gesellschaft? Wie können wir KI nutzen, um unsere Zukunft zu gestalten? Welche Risiken birgt KI wirklich? In „FAST FORWARD“ präsentieren renommierte Expert:innen zentrale Risikobereiche und Chancen, die sich durch die ...