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Wie eine Zukunft mit KI gelingen kann
Foto: © Stefnie J. Steindl
Künstliche Intelligenz hat großes transformatives Potenzial und kann ganze Branchen revolutionieren. Doch was macht KI mit unserer Gesellschaft? Wir haben es in der Hand, unsere Zukunft mit KI positiv zu gestalten, aber das ist nur möglich, wenn wir alle KI-Kompetenz entwickeln und auf verantwortungsvolle KI setzen. Es braucht eine ganzheitliche Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven und die Einbindung von Expert:innen aus sämtlichen Fachgebieten.
Künstliche Intelligenz ist womöglich eine der größten Revolutionen der Geschichte. Wenn auch von zahlreichen Menschen noch unbemerkt, wird sie in eine Reihe mit den wesentlichsten Meilensteinen der menschlichen Entwicklung gestellt, wie der Erfindung des Internets, der Dampfmaschine oder gar des Rades. Es scheint, als stünden wir am Beginn eines massiven Wandels, der womöglich darüber entscheiden wird, ob unsere Zivilisation längerfristig überlegen und gedeihen kann, oder nicht.
Hier geht es um konkrete, aktuelle Herausforderungen – aber auch zahlreiche ungenützte Chancen – die schon längst Realität sind. Die gute Nachricht ist, dass wir es noch in der Hand haben, KI so zu gestalten und zu regulieren, dass sie eine positive Zukunft fördert. Grundsätzlich ist es durchaus möglich, die Entwicklung von KI im Sinne des Digitalen Humanismus und der nachhaltigen Entwicklungsziele zu steuern, um unsere Zukunft inklusiv und regenerativ zu gestalten.
KI ist kein Technologie-Thema
Dafür
ist es essentiell, dass KI nicht einfach als Technologie-Thema
verstanden und somit Datenspezialist:innen oder IT-Fachkräften
überlassen wird. Das ist auch der Grund, warum unser neues Buch nur mit
mehreren Ko-Autor:innen aus so unterschiedlichen Bereichen wie
Nachhaltigkeit, Technologie, Wirtschaft oder Wissenschaft entstehen
konnte. Wie wir in Fast Forward beschreiben, wirkt sich KI auf alle
Bereiche der Gesellschaft aus, und zwar sowohl positiv als auch negativ.
In Fast Forward haben wir untersucht und mit zahlreichen
Daten und Beispielen belegt, was von der Wirkung von KI in den
Bereichen Arbeit, Bildung, Demokratie, Gesundheit, Soziales, Umwelt,
Wirtschaft und Wissenschaft bereits bekannt ist. Gleichzeitig bieten wir
einen Überblick darüber, wie sich KI auf Politik und Militär und die
Zukunft militärischer Auseinandersetzungen auswirken wird. Dabei
präsentieren wir eine ausgewogene Übersicht sowohl über positive als
auch negative Aspekte, die sich bei näherer Betrachtung aktuell ergeben –
und die wohl auch in den nächsten Jahren nicht an Gültigkeit verlieren
werden.
Wie wirkt KI auf unsere Gesellschaft?
In allen
gesellschaftlichen Bereichen birgt der Einsatz von KI sowohl Chancen
als auch Risiken. Während mehr und mehr Jobs von Maschinen übernommen
werden können und Menschen somit ihre Arbeit verlieren, entstehen durch
KI auch neue Berufsbilder. In einigen Sparten spricht man von
Augmentation durch KI, wo repetitive, analytische Tätigkeiten entfallen
und Menschen sich vermehrt auf jene Aufgaben konzentrieren können, die
sie gerne tun und wo sie einstweilen unersetzbar sind. Denken Sie zum
Beispiel an Ärzt:innen, die durch KI-gestützte Diagnosen und
Therapiemöglichkeiten nun mehr Zeit haben, um sich mit Patient:innen
auseinander zu setzen.
Denken Sie auch an Lehrende, die auf
Knopfdruck Aufgaben erstellen lassen können, die nicht nur aktuell und
inhaltlich relevant sind, sondern auch auf den individuellen
Lernfortschritt von Schüler:innen eingehen. Denken Sie an
wissenschaftliche Prozesse, wo zum Beispiel Proteinstrukturen nun nicht
mehr mühsam und kostspielig im Labor untersucht werden müssen, sondern
durch KI in kürzester Zeit in ihrer Gesamtheit höchst ressourceneffi
zient dargestellt werden konnten und nun für die weitere Forschung an
Impfstoff en oder individualisierter Krebstherapie zur Verfügung stehen.
Denken Sie auch an die Möglichkeiten, die automatische Übersetzung von
gesprochener Sprache in geschriebenen Text zum Beispiel für die
Inklusion von Menschen mit Hörschäden bieten, oder wie durch
Bilderkennung die Daten von Erdüberwachungssatelliten verwendet werden,
um festzustellen, wo mehr CO2-Emissionen austreten als veranschlagt oder
wie ökologisch eff ektiv Aufforstungsprojekte tatsächlich sind.
Die
mit KI verbundenen Risiken sind oft anders als die, über die sich viele
Menschen heute Gedanken machen. Dass Student:innen ihre Seminararbeiten
mit ChatGPT schreiben, ist ein lösbares Problem. Der ökologische
Fußabdruck der Digitalisierung ist enorm, aber er kann reduziert werden –
so man das will und aktiv steuert. Auch werden wir als Gesellschaft
Wege finden, um vertrauenswürdige KI-Systeme zu schaffen, die eine
Zusammenarbeit mit KI auf Augenhöhe ermöglichen, ob im Gesundheitswesen
oder in der Rechtswissenschaft.
In dem Maße, in dem KI-Systeme
leistungsfähiger und allgegenwärtiger werden, steigen die Risiken fü r
unbeabsichtigte Folgen, Missbrauch und unerwü nschte Nebenwirkungen, zum
Beispiel in der Verwendung von Deepfakes oder autonomer Waff ensysteme.
Wenn wir die Risiken nicht ernst nehmen – und in einer auf Optimismus
trainierten Big-Tech Welt ist das ein durchaus ernstzunehmender Faktor –
werden wir auch die Chancen nicht ausreichend nutzen und unseren
gesamtgesellschaftlichen Mehrwert nicht maximieren können.
Wer hat die Zukunft in der Hand?
Die
Wirkungen von KI sind nur mäßig erforscht, und das liegt unter anderem
daran, dass sich KI-Entwicklung von Universitäten und öff entlichen
Institutionen zum Privatsektor hin verlagert hat. Waren bis vor zehn
Jahren Universitäten führend in der Entwicklung von KI, sind es nun vor
allem Unternehmen, die KI entwickeln und auch dazu forschen. Im Jahr
2022 gab es beispielsweise 32 bedeutende, von Unternehmen produzierte
Machine-Learning- Modelle, aber nur drei, die in der akademischen Welt
entwickelt wurden. Die Kü rzung der Mittel fü r akademische KI-Forschung
in den USA und Japan in den frü hen 1990er-Jahren, gepaart mit dem
Aufkommen der ersten kommerziellen militärischen KI-Anwendungen lieferte
den großen Technologieunternehmen – auch Big Tech genannt – sowohl die
fi nanzielle Motivation als auch den notwendigen Pool an fachkundigen
Mitarbeiter:innen.
Da die kommerzielle Verwertung nicht immer
humanistischen Grundprinzipien wie Fairness, Transparenz,
Verantwortlichkeit oder Sicherheit folgt, sondern vorranging auf Gewinn
und Marktdominanz ausgerichtet ist, wird auch die Wirkung von KI nicht
ausreichend beleuchtet, diskutiert und erforscht. Die sich selbst
erhaltende Macht von Big Tech ist ein besorgniserregender Trend, der
nicht zuletzt die Zukunft der Demokratie und der Privatsphäre bedroht.
Die
rasant zunehmende Bedeutung von KI fü r die Weltwirtschaft wird dazu
führen, dass die großen Technologieunternehmen noch viel mächtiger
werden. Sie gehören bereits zu den reichsten Unternehmen der Welt, deren
Marktkapitalisierung das BIP vieler Nationalstaaten ü bersteigt. Das
wiederum erschwert eine sinnvolle Regulierung zum Wohle der
Allgemeinheit. Die staatliche Regulierung hinkt hinterher, und eine
Selbstregulierung durch Unternehmen funktioniert nicht, wie wir nicht
zuletzt im Bereich der Nachhaltigkeit gesehen haben.
Was können wir tun?
Daher
ist es unerlässlich, unseren technologischen Fortschritt aktiv und
bewusst zu gestalten. Die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein,
sondern muss auf einen sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltigen
Wandel ausgerichtet sein. Große Macht bringt große Verantwortung.
Deshalb kommt den großen Technologieunternehmen und den Regierungen eine
besonders wichtige Rolle zu.
Aber KI geht uns alle an. Wir alle
mü ssen aktiv mitgestalten, damit ein gesamtgesellschaftlicher Mehrwert
entstehen kann. Eine Möglichkeit, sich zu engagieren, besteht darin,
Entscheidungsträger:innen auf Unternehmensund Regierungsebene zur
Rechenschaft zu ziehen und immer wieder nach den Auswirkungen von
KI-Modellen zu fragen sowie Wirkungsforschung großzügig zu unterstützen.
Wir, die wir in Europa leben und im internationalen Vergleich äußerst privilegiert sind, tragen eine große Verantwortung für die Zukunft unserer globalen Gesellschaft, das gilt bildungstechnisch genauso wie ökologisch und sozial. Es ist durchaus möglich, eine Welt mit KI so zu gestalten, dass unsere Zukunft humanistischen, demokratischen Zielen gerecht wird und sowohl ökologisch regenerativ als auch sozial inklusiv wird, aber das ist nur im Rahmen eines gesamtgesellschaftlichen Projekts möglich. Wir haben es in der Hand, die Zukunft positiv zu gestalten.
Alice Schmidt
ist eine führende Expertin und gefragte Rednerin für globale nachhaltige Entwicklung. Sie ist Senior Lecturer an der WU Wien und berät international tätige Unternehmen und Non-Profits rund um die Themen Zukunft, Nachhaltigkeit und Wirkungsmessung.
Literatur zum Thema
Die KI-Revolution: Chancen und Risiken
Veröffentlicht 2024
von Alice Schmidt, Claudia Winkler, Florian Schütz, Jeroen Dobbelaere bei facultas / maudrich
ISBN: 978-3-99002-170-5
KI – Fluch oder Segen? Was macht Künstliche Intelligenz mit unserer Gesellschaft? Wie können wir KI nutzen, um unsere Zukunft zu gestalten? Welche Risiken birgt KI wirklich? In „FAST FORWARD“ präsentieren renommierte Expert:innen zentrale Risikobereiche und Chancen, die sich durch die ...